03 honegger philatelie Wissenswertes

Gedanken zur Marktlage 2008

Wir befinden uns in einer seltenen, nur alle paar Jahre oder gar Jahrzehnte wiederkehrenden Situation der Wirtschaftslage. Die Börsen taumeln weltweit, der Begriff der Rezession ist in aller Munde und die wirtschaftlichen Aussichten sind – Stand gegen Ende November 2008 – alles andere als rosig. Was in diesem Jahre über die Börsen hinweggefegt ist, hat nichts mehr mit einem blossen Gewitter oder Sturm zu tun. Seit diesem Jahr wissen viele Betroffene, was ein wirtschaftlicher Tsunami ist! Die Bankbranche könnte einem – wenn sie dieses Malaise nicht selbst verschuldet hätte – direkt leid tun!

Für uns Philatelisten ist dies dennoch weit eher ein Grund zur Freude und zur Zufriedenheit! Die wirtschaftliche Entwicklung hat den Briefmarkenmarkt eigentlich nur sehr wenig beeinflusst. Die Resistenz ist bemerkenswert, aber auf der andern Seite gar nicht so erstaunlich. Denn Leuten, die in diesem Jahr viel Vermögen mit Aktienanlagen verloren haben, müssen Sie die Vorzüge der klassischen Schweizer Marken kaum mehr schmackhaft machen! Was glauben Sie, wäre mit diesem Markt geschehen, wenn noch mehr Sammler vor einem Jahr diesbezügliche Empfehlungen beherzigt, die Aktienanlagen liquidiert und in klassische Marken umgestiegen wären!

Solche Glückspilze hat es aber tatsächlich gegeben, was deren offensichtliche Zufriedenheit heute dokumentiert. Wir haben allein in den letzten paar Wochen drei grössere bis sehr grosse Auktionen erlebt, mit Angeboten an klassischen Schweizer Marken im Millionenbereich. Natürlich kann keine Firma der Welt gleich sämtliche Lose zu Rekordpreisen zuschlagen. Vor allem dann nicht, wenn von einer Nummer all zu viel an «mittelprächtigem» Material auf einmal auf den Markt kommt. Nur geht es da meist um Stücke, die man nicht zuoberst auf der Einkaufsliste hat. Wenn nun aber gleich alle Firmen bemerkenswerte bis hervorragende Ergebnisse vorweisen können (und dies wie gesagt in einer Zeit, die viele jetzt schon als Rezession bezeichnen und die durchaus in vielen Ländern auch schon eingetreten sein mag), so gibt es kaum einen besseren Beweis dafür, dass sich bislang der Alt-Schweiz-Markt davon ganz klar abzukoppeln vermochte. Ist diese Feststellung – und zwar für Sie als Sammler, wie für uns als Händler – nicht ein wirklich echter Grund zur Freude zum Jahresende?

Natürlich gibt es auch Sammler, die einen Teil ihres Vermögens (zumindest vorderhand) mit Aktienanlagen verloren haben. Als Briefmarkenhändler bedauert man dies. Nicht nur, weil hier eigene Umsatzanteile für einige Zeit verloren gehen, sondern weil solche Verluste von guten und langjährigen Kunden einen persönlich nicht unberührt lassen. Wenn man die Vorkommnisse schon nicht ungeschehen machen kann, so sollte man wenigstens daraus die nötigen Schlüsse ziehen:

  1. Briefmarken sollen Ihnen Freude bereiten. Kaufen Sie solche nur, wenn dies für Sie zutrifft.
  2. Erwerben Sie nur Marken, die Sie finanziell verkraften können. Verschulden Sie sich nicht, um Marken zu kaufen.
  3. Wenn Sie spekulieren wollen, kaufen Sie keine Marken, sondern meinetwegen Aktien.


Nach mehr als vier Jahrzehnten vollberuflicher Beschäftigung mit den klassischen Schweizer Marken ist man in der Lage, gewisse Zyklen der Preisentwicklung zu erkennen. Wichtig: ich spreche hier einzig von der klassischen Schweizer Philatelie von 1843 bis etwa 1870, mit der wir uns auch einzig und allein beschäftigen. Auch in dieser relativ kurzen Zeitspanne gibt es zahlreiche völlig verschiedene Gebiete, mit denen man eine Sammlung aufbauen kann. Viele Leute sind der irrigen Meinung, dass ein Sammelgebiet immer dann am aussichtsreichsten sei, wenn es in aller Munde ist. Wenn es in den Medien kommentiert und herausgestrichen wird. Wenn es auch in den Ergebnislisten der Auktionen hervorgehoben wird. Mit wenigen Ausnahmen ist dies aber falsch, um nicht zu sagen genau umgekehrt! Wenn «alle Welt» sich für ein Gebiet interessiert, kann es gar nicht mehr billig sein. Die Preise sind dann entsprechend angeheizt und in aller Regel schon sehr weit gestiegen, bis eben «alle Welt» auf die Sache aufmerksam geworden ist. Wohl ist es dann noch möglich, dass die Preise dafür noch eine Weile weiter steigen, aber die Gefahr, dass sie sich ins Gegenteil verwandeln, wird immer grösser.

Sammelgebiete sind immer dann interessant und für einen Neu-Einsteiger «günstig», wenn noch niemand darauf aufmerksam geworden ist. Wenn sich also noch kaum jemand darum kümmert. Baut man in einer solchen Situation auf die Empfehlung eines Sachverständigen, mit – wenn möglich jahrzehntelanger Erfahrung für ein solchermassen noch vernachlässigtes Sammelgebiet –, stehen die Chancen gut, dass daraus eine längjährige, überaus interessante Sammlerei wird, die nicht nur viel Freude bereitet, sondern sich durchaus auch finanziell als lohnend erweisen dürfte.

Natürlich kann man nie voraussagen, wann einstweilen noch schlummernde Sammelgebiete entdeckt und deren Preise zu steigen beginnen. Aber für einen echten und engagierten Sammler ist es ja absolut erwünscht, dass er möglichst viele Jahre zu verhältnismässig billigen Preisen seine Lücken noch schliessen kann, bevor die Preise der persönlichen finanziellen Reichweite zu entschwinden beginnen.

Zwei Voraussetzungen können massgeblich dazu beitragen, dass eine Zeit als überaus günstig zu bezeichnen ist, um eine Sammlung zu beginnen und also in ein Gebiet einzusteigen:

  1. Wenn grosse und langjährige Sammler aus einem Sammelgebiet aussteigen. Sei dies infolge Todesfall oder aber aus Altersgründen.
  2. Wenn das wirtschaftliche Umfeld eher als ungünstig zu bezeichnen ist und damit keine Preisexplosion in der nächsten Zukunft zu erwarten ist.


Beide Voraussetzungen treffen momentan für unseren Alt-Schweiz-Markt zu! Dies ist der Grund, warum ich für unseren Markt – der aktuellen wirtschaftlichen Gegebenheiten zum Trotz – recht optimistisch gestimmt bin. Ja, ich bin der Meinung, dass wir in ein paar Jahren die heutige Zeit als die seit vielen Jahren günstigste Einstiegszeit für eine Sammlung klassischer Schweizer Marken bezeichnen werden. Und zwar für recht viele Gebiete, die ich gerne etwas näher kommentieren möchte.

Um die derzeitige Situation zu verdeutlichen, nehmen wir als Beispiel einen Architekten. Angenommen, er sollte in einer Stadt ein altes Haus renovieren und in den heutigen Stand der Technik versetzen. Das kann sich als recht schwierig erweisen, indem seinen eigenen Ideen gewissermassen die Hände gebunden sind. Dies durch einzuhaltende Grenzabstände, durch Heimatschutzbestimmungen, sodass er auch die Fassaden gar nicht verändern darf, durch Bauvorschriften, die vieles vorschreiben und auch die Höhe eines Gebäudes limitieren und so weiter.

Auf der andern Seite können wir uns einen fähigen Architekten vorstellen, der einen Bau ganz nach seinen Ideen und seinem Gutdünken erstellen kann. Man setzt ihm, resp. seiner Phantasie kaum Grenzen. Man muss nicht weiter erläutern, dass diese beiden Bauten völlig unterschiedlich herauskommen werden! Und zwar auch dann, wenn – angenommen – in beiden Fällen der genau gleiche Architekt am Werk ist!

Wenn in der Philatelie eine Periode angebrochen ist, wo die grossen Sammler – aus welchen Gründen auch immer – im Markt verschwunden sind, so ist diese Situation für einen neuen Sammler mit jener des Architekten vergleichbar, dem man freie Hand lässt für seine Bauten. Er kann den Baustil wählen wie er will, er kann die Materialen selber bestimmen. Und auch in finanziellen Belangen ist er viel freier, weil die frühere, übergrosse Konkurrenz anderer, grosser Sammler, plötzlich verschwunden ist. Die Preise sind damit wieder «normal» und selbst seltene Sachen sind sicher auch jetzt teurer als der Durchschnitt, aber sie müssen nicht mehr überbezahlt werden und sie sind vor allem auch erhältlich, was in Zeiten grosser Nachfrage meist gar nicht der Fall ist.

In diesem idealen Sammlerzeitalter, so scheint mir, befinden wir uns jetzt! Nicht nur sind die Sammelgebiete weitgehend wählbar, es gibt viel weniger übermächtige Konkurrenten, deren Sammlungsniveau man ohnehin nie erreichen kann. Auch die Preise sind demzufolge auf einem vernünftigen Niveau mit dem man leben kann. Man hat also freie Hand bei der Wahl des Sammelgebietes und zugleich auch noch die Aussicht, dabei mit normalen, vernünftigen Preisen rechnen zu können! Sind dies nicht allerbeste Voraussetzungen, in diesem wunderschönen Gebiet der klassischen Schweizer Marken eine langjährige, interessante Beschäftigung zu suchen und zu finden?

Ganz zu Beginn scheint es mir wichtig zu sein, ein auf Ihre ganz speziellen Wünsche und Gegebenheiten abgestimmtes Sammelgebiet zu wählen. Deshalb biete ich Ihnen gerne an, dass wir dies persönlich besprechen. Einige Möglichkeiten führe ich auf den folgenden Seiten gerne näher aus, aber Sie können davon ausgehen, dass die Aufstellung keineswegs vollständig ist.

Wir haben zwar von allen Gebieten, die wir pflegen, Sachen in diesen Katalog aufgenommen. Die Annahme ist zutreffend, dass dies keineswegs das ganze Material ist, das wir von den jeweiligen Gebieten am Lager haben. Finden Sie also die von Ihnen bevorzugte Qualität oder Preislage nicht, so geben Sie uns dies an. Die Chancen sind sehr gut, dass wir Ihnen aus unserem breiten Lager Stücke anbieten können, die Ihren Geschmack dann treffen werden. Das gilt auch für Lose, die Sie gerne haben möchten, die aber ein anderer Kunde etwas schneller bestellt hat. Vielfach ist es ohne Probleme möglich, vergleichbare Ersatzlose vorzulegen.

Es wäre anmassend und unfair, diese Zeilen mit meiner Unterschrift zu versehen und damit den Eindruck zu erwecken, dieser neue Katalog wäre einzig mein Werk! Seit etlichen Jahren schon wird er allein von meinem Sohn Markus redigiert und meine eigene Leistung besteht lediglich in der Aufarbeitung der Lose. Viel unsichtbare Arbeit wird in diesem Zusammenhang aber auch durch meine Frau und meine Schwiegertochter geleistet und überdies dürfen wir seit jeher beim Versand auf hilfreiche Hände von Verwandten zählen. Für all diese Mithilfe bin ich überaus dankbar und ohne diese würden Sie diesen Katalog jetzt gar nicht in Händen halten können! Gestatten Sie mir aber, dass ich Ihnen – wie jedes Jahr, wenn letzteres sich dem Ende zuneigt – von Herzen danken möchte für die erneut überaus zahlreichen persönlichen oder schriftlichen Kontakte, die wir mit Ihnen haben durften und die letztlich zu einem weiteren überaus erfreulichen Abschluss führen werden. Wenn wir Ihnen dienlich sein durften, so freut es uns – und wenn Sie irgendwelche Fragen oder Wünsche haben sollten, so lassen Sie es uns wissen. Wir werden uns bemühen, Sie auch im neuen Jahre, zu dem wir Ihnen viele freudige Erlebnisse wünschen, zuvorkommend zu bedienen.

Schmerikon, 21. November 2008 Gottfried Honegger

 

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