03 honegger philatelie Wissenswertes

Gedanken zur Marktlage 2014

Eigentlich wollte ich diesen Artikel ausnahmsweise schon vor einigen Wochen schreiben, damit er nicht – wie fast immer bisher – erst in den letzten Stunden vor Abgabe des Textes in der Druckerei noch schnell zu Papier gebracht werden muss. Dabei gingen oft immer Punkte ver­gessen, auf die hinzuweisen man das Jahr über sich vorgenommen hat. Dabei hätte ich zu jenem Zeitpunkt wohl erwähnt, dass meinem Empfinden nach das Jahr 2013 uns ganz minim weniger Bestellungen von Einzellosen gebracht hat, jedoch unwahrscheinlich viel mehr Anfragen von Sammlern, wie vor allem Händlern nach ganzen Sammlungen und Posten. Ich habe dies nie statistisch erhoben, aber schätzungsweise waren in früheren Jahren 80% der Verkäufe auf Grund von Katalogverkäufen oder Einzelanfragen mit Fehllisten erfolgt und 20% durch Käufe von ganzen Sammlungen. Und dieses Jahr war das Verhältnis so, dass die Einzelverkäufe bis Ende Oktober fast gleich hoch waren wie letztes Jahr, die Sammlungsverkäufe aber unverhältnis­mässig viel höher. Einiges höher, als die Einzelverkäufe! Umsatzmässig war damit das Resultat natürlich noch wesentlich positiver als das gute Jahr 2012.

Und dann kam der Oktober und noch weit mehr der November, die alles nochmals umgekrempelt haben! Zunächst war es für uns eine grosse Überraschung, dass wir die traumhaft schöne Sammlung «Überseebriefe mit sitzenden Helvetia gezähnt» wider Erwarten geschlossen ver­äussern konnten. Natürlich war dies mit einer gewaltigen Einbusse an Gewinnmöglichkeiten verbunden. Das wird hier aber dadurch aufgewogen, dass diese Sammlung als Schweizer Kulturgut in dieser Art beisammen bleiben kann. Ich habe im Artikel «Philatelistischer Lebenstraum» dies erläutert. Sie können Einblick in diese Sammlung selber nehmen, wenn Sie die Albumseiten aus dem Internet betrachten.

Zu diesem grossen Sammlungsverkauf kamen im November aber ebenso unerwartete Verkäufe von Einzellosen hinzu. Und zwar ausschliesslich von guten bis sehr guten Stücken. Vielfach von Luxusstücken, wie wir sie nicht alle Jahre anbieten können. Fast ausschliesslich von teuren Kantonalnummern. Wann hat man denn schon in einer einzigen Woche (in einer einzigen Woche!) nicht weniger als sechs Doppelgenf verkaufen können? Dazu weitere hochpreisige Briefe. Ich spreche hier wie gesagt nicht von minderwertigen bis mittelpreisigen Stücken, die das ganze Jahr über gefragt werden, sondern von guten bis sehr guten Stücken! Das hat dazu geführt, dass wir einige Lose gar aus unserem neuen Katalog 2014 anbieten und verkaufen durften, die anderweitig ganz einfach nicht mehr bei der Hand gewesen wären. Diese Lose aus dem neuen Katalog stehen bei uns immer nach dem Scannen derselben für den Verkauf zur Ver­fügung. Mit andern Worten: in der Regel ungefähr ab Anfang November. Selbstverständlich versuchen wir natürlich eingehende Wünsche vor Herausgabe des Kataloges wenn irgend möglich noch mit Stücken aus unserem übrigen Lager zu erfüllen. Denn der neue Katalog enthält ja niemals unser ganzes Lager. Unter diesen Umständen immer noch von einem Rückgang beim Einzellosverkauf zu sprechen würde die realen Verhältnisse natürlich nicht richtig wiedergeben. Es scheint wie beim Fussball so zu sein, dass das Spiel erst mit dem Schlusspfiff fertig ist! Ein Jahr sollte wohl auch philatelistisch erst ganz am Ende eines Jahres kommentiert werden.

Für einmal scheint es mir nicht sinnvoll zu sein, das Alt-Schweiz-Gebiet, also die alten Schweizer Marken von 1843 bis etwa 1870, das wir fast ausschliesslich betreiben, in die bekannten Teil­gebiete Kantonals/Rayons/Strubel/sitzende Helvetia gezähnt aufzuteilen und einzeln zu kommentieren. Und zwar deshalb nicht, weil ich zur Überzeugung gelangt bin, dass ein Gebiet nur «gut läuft», wenn man daraus auch seltene, wichtige und preislich interessante Sachen anzubieten hat. Dann kommen Anfragen. Wenn man nichts anzubieten hat zeigt es sich immer wieder, dass dann die Sammler diese Sparten auch gar nicht nachfragen. Wir erlebten eine Nachfrage in der Tat bei sämtlichen Sparten. Bei einer solchen Umsatzsteigerung kann man im Ernst weder von einer Zurückhaltung von Seiten der Käufer, noch von einem Rückgang der Preise sprechen. Die Tendenz, dass sich immer mehr neue Kunden melden, die keinen Bezug zu irgend einem Sammlerverein haben und die insbesondere aus finanziellen, also anlagepolitschen Gründen eine Alternative zu den klassischen Wertschriften-Anlagen suchen und in der klassischen Schweizer Philatelie finden, hat sich dieses Jahr markant verstärkt. Für uns Händler natürlich ein Hinweis darauf, wo neue Kunden derzeit zu finden sind und wo (leider) nicht mehr ganz so einfach wie ehedem. Vor bald 50 Jahren, als ich mich beruflich der Philatelie zuwandte, genügten – etwas übertrieben formuliert – zwei, drei Inserate in philatelistischen Zeitschriften und man konnte damit den grössten Teil der diesbezüglichen Interessanten erreichen und ansprechen. Heute ist dies alles sehr viel schwieriger geworden! Der effektivste Weg ist sicherlich die persönliche Empfehlung eines zufriedenen Kunden an seine Freunde. Das setzt voraus, dass man als Händler erst einmal zufriedene Kunden hat, die sich kompetent und gut beraten fühlen. Das jedenfalls ist mein eigentliches Ziel. Viel mehr, als die jährliche Steigerung des Umsatzes! Sicher gelingt einem dies nicht in jedem Fall, denn nicht ganz alle Ansprüche und Erwartungen eines Käufers können immer erfüllt werden.

Wenn man lange genug hirnt, findet man fast immer noch «ein Haar in der Suppe», ein Gebiet also, wo man sich einen besseren Geschäftsgang noch hätte vorstellen können. Es mag ein reiner Zufall sein, weil wir uns möglicherweise zu wenig Zeit dafür haben nehmen können dieses Jahr, aber die Verkäufe an Heimatsammler und an solche für Geburtstags-Sammler gingen wahrscheinlich (aber ohne nachzusehen) tendenziell etwas zurück. Unter einem «Heimatsammler» versteht man solche, die nicht das ganze Gebiet aller Marken pflegen wollen, sondern nur die Entwertungen einer Gemeinde, eines Bezirkes oder eines Kantons. Das hat den Vorteil, dass daraus völlig individuelle Sammlungen entstehen, die – im Gegensatz etwa zu einer reinen Katalogsammlung, die einfach jede herausgegebene Marke einmal enthält – einmalig sind. Kein Mensch wird eine gleiche Sammlung je haben können! Zudem kann der Umfang – und damit die preis­liche Belastung – vollkommen individuell bestimmt werden. Niemand «muss» eine Marke haben. Jeder kauft jene, die er sich leisten kann und die ihm gefallen. Was er weglassen möchte, wird von niemandem bemerkt oder gar kritisiert.

«Geburtstagssammler» schliesslich erwerben (für sich oder einen Nachkommen) ein bestimmtes Geburtstagsdatum auf losen Marken oder Briefen. Natürlich nur den Monat und den Tag, nicht das Jahr selber. Auf diese Weise kommen auch hier wieder absolut einmalige Sammlungen zustande, die kein Mensch sonst je haben wird! Diese Sammlungsart ist besonders empfehlenswert, wenn jemand seine eigene Sammlung gerne weitergeben möchte. Seine Erben haben unter Umständen aber kein Interesse und die Enkel sind häufig noch in einem Alter, wo andere Hobbies wichtiger sind als die Briefmarken, die in der Regel erst ab dem 40. Altersjahr, wenn ein Mensch langsam sesshaft geworden und eine Familie gegründet hat zu einem Hobbythema werden. Wird eine eigene Sammlung (egal, wie gross diese ist) mit einer Anzahl von Marken oder Briefen mit dem genauen Geburtstag des zu Beschenkenden vererbt, so wird eben die ganze Sammlung (des Vaters oder des Grossvaters) nicht einfach zu einer bald einmal zu versilbernden Erbschaft, sondern zu einem ganz persönlichen Erbstück, das man viel weniger leicht aus der Hand zu geben bereit ist. Und damit kann vielfach die Freude an diesem Hobby geweckt werden, was ja eigentlich fast immer im Interesse des Schenkenden selber liegt. Einem engagierten Sammler tut es doch unendlich leid, wenn er seine jahrzehntelang ge- und behüteten Schätze einfach in alle Winde zerstreut sieht.

Aussichten für die kommenden Monate und Jahre

Grosse Abweichungen von meinen Zeilen im letzten Katalog gibt es nicht zu vermelden. Die Entwicklung verlief in den vorausgesagten Pfaden.

– Immer noch drucken die Notenbanken Geld in unglaublichen Mengen. Das beinhaltet ein beträchtliches Inflationsrisiko. Allerdings sehe ich diese Gefahr noch nicht für das kommende Jahr. Eine langsame Lockerung der Zins- und Geldpolitik wird noch keine gravierenden Auswirkungen auf das Anlageverhalten der Leute haben.

– Der Euro ist noch nicht ganz «in ruhigen Gewässern». Aber momentan schlagen die Sturm­wellen etwas weniger hoch. Kurzfristig wird sich dort nichts ändern.

– Der Dollar als vorderhand noch wichtigste Währung für die Weltkonjunktur kann man sicher nicht als kerngesund bezeichnen. Aber der US-Notenbank sind vorderhand die Hände ziemlich gebunden. Wenn sie die Zinsen anhebt, leidet darunter sofort die industrielle Produktion und auch die Börse. Da die Arbeitslosigkeit nach wie vor einiges höher ist als erwünscht, wird hier keine schnelle Änderung erfolgen.

– Die "Problemländer" im südlichen Europa mausern sich durch. Die Hilfen der übrigen EU sind mittlerweile soweit fortgeschritten, dass man wohl keinen Zusammenbruch mehr riskieren will. Langfristig sind die Probleme dort aber sicher noch nicht gelöst.

– Deutschland als Motor in der EU wird die Krise meistern. Die Industrie läuft gut. Als wichtigster Abnehmer für Schweizer Exporte ist dies auch für uns Eidgenossen sehr wichtig.

– Kaum ein anderes Land in Europa hat die Krise nach 2008 dermassen gut überstanden, wie die Schweiz. Die Aussichten sind weiterhin gut. Geld ist durchaus vorhanden und wartet darauf irgendwie angelegt zu werden. Die Arbeitslosigkeit ist international gesehen auf sehr tiefem Niveau und die Inflation vernachlässigbar gering.

Die Anlagemöglichkeiten bleiben aber nach wie vor sehr beschränkt. Festgeld ist kein Thema, die Aktien notieren recht hoch und Anleihen bringen eine Rendite, die durch die Bankgebühren und die Steuern praktisch aufgezehrt wird. Aus diesem Grunde gibt es verständlicherweise immer mehr Anleger (und keineswegs nur die ganz alten!), die unter diesen Umständen nach alterna­tiven Kapitalanlagen Ausschau halten und sich zu solch tiefen Zinssätzen nicht jahrelang binden und festlegen möchten. Die Leute wollen etwas von ihrem Ersparten noch haben. Sie möchten von diesem selbst erarbeiteten oder ererbten Vermögen sich etwas leisten. Seien dies vermehrte Ferien (Kreuzfahrten sind ja ganz hoch im Kurs) oder alternative Anlagen (Bilder, Edelmetalle, klassische Schweizer Briefmarken). Diese bringen zwar keine gesicherte Rendite, aber sie be­reiten dem Käufer – wenn er gut beraten ist – wenigstens Freude! Und zwar zeitlebens! Dies sollte in der heutigen Zeit der absolut wichtigste Punkt in einer Anlageentscheidung sein: die erworbene Sache sollte einem Freude bereiten! Eine Ferienreise verblasst nach deren Be­endigung recht bald einmal in der Erinnerung. Ein schönes Album mit Alt-Schweiz-Briefmarken hingegen kann einen bis ans Lebensende bei jedem Öffnen desselben neue Freude bereiten! Das neue Album des Schweiz. Briefmarken-Händlerverbandes mit seinen sehr nett illustrierten Seiten eignet sich dafür in geradezu idealer Art und Weise. Sehr gerne schenken wir Ihnen beim Kauf auch nur einer einzigen Kantonalmarke (im Betrage von 1500.– oder mehr) solch ein komplettes Album. Sie brauchen diesen Wunsch einfach bei der Bestellung anzugeben. Für das Ausland ist dies wegen des Versandes etwas komplizierter. Dort müssen wir einen Weg finden, ob wir Ihnen solch ein Album anlässlich einer Messe, die wir besuchen, abgeben können oder ob Sie es bei einem Besuch bei uns mitnehmen möchten.

Wir beraten Sie gerne bei Fragen zu unseren alten Schweizer Marken. Vergessen Sie dabei eines nie: Sie investieren damit nicht nur in den starken Schweizer Franken, sondern erwerben damit ein Schweizer Kulturgut!

Es entspricht nicht einer Pflicht, sondern einem Wunsch, Ihnen allen, Sammlern wie Händlern, die zu diesem Rekordjahr bei uns beigetragen haben von Herzen Dank zu sagen. Es wird kaum möglich sein, dieses Resultat nächstes Jahr einfach so zu wiederholen. Wir verkaufen ja keine Verbrauchsartikel, die man jedes Jahr erneut nachliefern kann. Im Gegenteil: wenn wir einem Kunden einige Nummern liefern durften, so ist es wahrscheinlich, dass er diese jetzt hat und nächstes Jahr nicht erneut erwerben möchte. Ob man ihm aber in andern Gebieten ebenso viel anbieten kann, hängt vor allem aber auch wiederum von Ihnen ab: ob Sie uns weiterhin schöne Einzelstücke und gehaltvolle Sammlungen anbieten möchten, die man sich preislich noch leisten kann. Wenn Sie unsere Kataloge erhalten, wissen Sie an sich nicht, wer daran gearbeitet hat. Mit Sicherheit jedenfalls nicht ich allein! Mein Sohn Markus redigiert diese seit Jahren völlig autonom. Seine Frau und ich selber stellen das ganze Jahr über die Lose zusammen und bereiten diese aus Sammlungen und Einzelankäufen auf. Meine Frau hilft weiterhin täglich mit im Betrieb und ohne unsere treuen Verwandten wäre das Verpacken und die Spedition der Kataloge nach wie vor nicht denkbar. Herzlichen Dank ebenso ihnen allen.

Schmerikon, 22. November 2013
Gottfried Honegger

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