03 honegger philatelie Wissenswertes

Zum kleinen Jubiläum der Waadt 4, die 2019 170 Jahre alt wird

Nach der Übernahme der kantonalen Postverwaltungen durch den 1848 neu geschaffenen Bundesstaat auf den 1.1.1849, ergaben sich viele Umstellungen und Veränderungen im Postwesen, die für heutige Verhältnisse in unglaublich kurzer Zeit bewerkstelligt worden sind. So erlaubte «Bern» schon am 4.6.1849, wie Richard Schäfer in seinem überaus wichtigen Werk «Handbuch Postgeschichte von Genf» schreibt, die Einführung einer billigeren Lokaltaxe von 2 1 ⁄2 Rappen. Da die Währungen in der ganzen Schweiz erst ab dem 1.1.1852 vereinheitlich worden waren, hatte Genf noch das französische Geldsystem. Die bisherige Taxe für den Postkreis I, zu dem der Kanton Genf und der Bezirk Nyon im Kanton Waadt gehörte, betrug für Briefe 7 Centimes. Die reduzierte Taxe von 21 ⁄2 Rappen wurde dann auf 4 Genfer Centimes umgerechnet.

Aus diesem Grund erfolgte die Ausgabe der sogenannten Waadt 4 im Oktober 1849. Gleichzeitig wurde die Rosette Nr. 4 durch Entfernung des Kleeblattes im Innern zur Rosette Nr. 5, bei der das Schweizerkreuz dadurch mehr hervortrat. Die Nummerierung der Rosetten erfolgt heute in der Regel nach dem Stempelwerk von Andres und Emmenegger. Diese widerspricht aber der Reihenfolge der Verwendungen im Kanton Genf.

Das genaue Ausgabedatum der Waadt 4 ist nicht bekannt. Als früheste Verwendung existiert ein Brief vom 22.10.1849 (und ein Briefstück vom 21.10.1849). Diese Marken wurden zu 4 Centimes am Schalter verkauft, also ohne Rabatt. Die Doppelgenf und Genfer Adler hingegen wurden schon ab dem 1.3.1844 mit einem Rabatt von 20% verkauft, also zu 4 Centimes pro Marke. Wenn wir das Vorkommen dieser Waadt 4 betrachten, so haben wir 1999 eine Studie von Henri Grand erhalten, in welcher er angibt, dass er die Zahl der heute noch vorhandenen Doppelgenf auf Brief auf 100 – 150 Exemplare schätzt. Genau gleich schätzt er die Zahl der Briefe mit einer Waadt 4! Nach unserer eigenen Statistik dürfe dies zutreffen. Auch wir kommen heute (Stand Nov. 2018) bei beiden Marken auf praktisch dieselbe Anzahl, nämlich auf rund 115 Exemplare. Wobei anzufügen ist, dass wir hier nur die ganzen Briefe bei uns gezählt haben (normalerweise nehmen wir in die Statistik auch Briefstücke mit Datum-Nebenstempel und Vorderseiten auf). Darüber hinaus sind wir mit dieser Statistik immer noch beträchtlich im Verzug bei der Aufarbeitung. Ausserordentlich bemerkenswert und ganz allgemein noch viel zu wenig bekannt scheint mir nun angesichts der in etwa gleichen Seltenheit wie einer Doppelgenf die Tatsache zu sein, dass es selbst bei einer solchermassen seltenen Kantonalmarke eine dermassen grosse Vielfalt an Stempeln gibt! Das wird die vielen Anhänger der «traditionellen» Philatelie freuen, die sich hier in bedeutendem Masse profilieren können. In einer postgeschichtlichen Sammlung ist dies in diesem Ausmass kaum darstellbar. Bei einer kurzen Zusammenstellung der möglichen Entwertungen auf der Waadt 4 bin ich auf folgende gestossen:

1. Rosette Nr. 5 (ab 21.10. 1849 bis 21.02.1850); nur in Rot. 

V1 

2. Rosette Nr. 3 (ab 22.01. 1850 bis 31.12.1850) in Rot. 

V2

 3. Rosette Nr. 3 (ab 1.01. 1851 bis 16.01.1850) in Schwarz.

V3

 

4. Rundstempel Genève (ab 11.05.49 bis 31.12.1850) in Rot. (Bisher ca. 4 Stücke bekannt) V4

5. PD im Kreis von Chêne (20.01.1850 bis 05.08.51) in Blau. (Bisher 4 Stücke bekannt) Diese Marke (= Los 93) haben wir dieses Jahr als Titelbild unseres Kataloges 2019 gewählt! V5

6. Rundstempel Genève (ab 02.01.1851 bis 19.07.1852) in Schwarz. (Wohl Unikat!) V6

7. Genfer Gitterraute (ab 17.01.1851 bis 6.08.1851) in Schwarz.

V7

8. Eidgenössische Raute (ab 07.08.1851) in Schwarz.

V8

9. Eidgenössische Raute (ab 17.07.1852 bis 11.10.1854) in Blau.

V9

 (Verwendungsdaten teilweise nach H.Grand und R.Schäfer)

 

Hier handelt es sich um eine – in Eile – zusammengestellte Übersicht über mögliche Entwertungen. Diese ist keineswegs vollständig! Ich freue mich, wenn Sie mir weitere angeben können. Bis heute hat es nach meinem Kenntnisstand noch kein einziger Sammler geschafft, diese Vielzahl an Entwertungen auf der Waadt 4 zusammenzubringen! Auch die vier oder fünf grössten AltSchweiz-Sammlungen, die derzeit noch komplett beisammen sind oder gar noch aktiv weiter betrieben werden, haben dieses Ziel nicht erreicht! Und noch etwas: Diese Stempelvielfalt finden Sie durchaus teilweise schon bei den Genfer Adlern und selbstredend auch bei der Waadt 5!

Artikelsammlung