03 honegger philatelie Wissenswertes

Gedanken zur Marktlage

Nach einem Jahr wie 2019 macht es eitel Freude, den geschäftlichen Verlauf des Jahres zusam-menzufassen! Wir waren zwar selber sehr optimistisch, wie ich dies im gleichen Artikel des bald einmal verflossenen Jahres ausgeführt, also durchaus erwartet hatte. Aber die Erwartungen wurden noch übertroffen! Anders, als von einem sehr guten Jahr zu sprechen, wäre eine blosse Untertreibung! Es mag natürlich auch damit zusammenhängen, dass wir uns nur mit den ganz al-ten, sogenannt «klassischen» Schweizer Marken von 1843 bis etwa 1870 befassen. Dazu noch mit den vorphilatelistischen Briefen der Schweiz, also jenen Schweizer Briefen, für die noch keine Marken als Frankatur zur Verfügung standen. Diese meist noch ungezähnten Ausgaben (einge-schlossen ist hier noch die erste gezähnte Ausgabe) eignen sich meiner Meinung nach am Aller-besten als Anlageobjekte aus dem ganzen Ausgabenbereich der Schweizer Marken. Auch nach über 50 Jahren vollberuflicher Tätigkeit im Briefmarkenhandel entsinne ich mich nicht, in einem einzigen Jahr so viele Bestellungen der teuersten Alt-Schweiz-Marken erhalten zu haben! Und –was die Sache noch unglaublicher macht! – wohl 80% dieser verkauften Stücke gingen an neue Kunden! Wie kommt es dazu? Schliesslich schliessen immer mehr der traditionellen Brief-markenläden in unseren Städten, weil der Umsatz dort ein erforderliches Einkommen nicht mehr ermögliche. Für einige mag das stimmen, weil sie wohl mehrheitlich damit beschäftigt sind, nur noch das angehäufte Lager zu liquidieren und sich gar nicht mehr selber am Ankauf beteiligen wollen. Das Lager besteht aber vielfach aus den gezähnten Ausgaben des 20. Jahrhunderts, mit denen es heute in der Tat schwierig geworden ist im Handel. Klassik fehlt dort fast ganz. Es gibt auch hier Ausnahmen von wenigen, aber sehr aktiven Ladenhändlern, deren Umsätze auch heute noch wachsen. Weil sie eben durchaus auch als Käufer auftreten und nicht nur liquidieren wollen, was seit Jahrzehnten am Lager liegt.

Das mag sicher auch der Erfolgsfaktor in unserem Geschäft sein. Für mich ist nur der ein Händler, der kauft und verkauft. Das war immer meine Devise. Ich möchte nicht nur fremdes Eigentum liquidieren, sonst wäre ich Auktionator geworden. Das ist nicht negativ gemeint. Es sind einfach zwei ganz verschiedene Berufe (meinetwegen aber mit gleichen Anforderungen an die Seriosi-tät). Ein Händler muss selbstverständlich Geld verdienen – wie sonst könnte er ankaufen und Marktpflege betreiben!? Aber auch wir können nicht einfach «alles» kaufen. Wenn wir aber etwas kaufen, so geschieht es zu einem fairen Preis oder dann halt nicht. Deshalb dürfen wir wohl sa-gen, dass jene Kunden, die uns Ihre Sammlung verkauft haben, unser Geschäft zufrieden verlas-sen! Nach wie vor kaufen wir aber auch recht viel an Auktionen. Und zwar weltweit. Ohne dass man hier faire, ja, vielfach sogar hohe Preise bewilligt, kämen diese Ankäufe gar nicht zustande. Und dies muss sich herumgesprochen haben. Jedenfalls haben wir in den letzten Jahren immer häufiger ganze Sammlungen angeboten erhalten. Auch grössere bis sehr grosse. So auch dieses Jahr wieder. Wir sind ein Versandgeschäft und besuchen nur ganz wenige Börsen im Jahr selber. Aus diesem Grunde wäre es absolut unmöglich, alle diese Sammlungen ganz aufzuarbeiten und Stück für Stück dann wieder auf den Markt zu bringen. Wir möchten vielmehr Sammlungen, die sich dafür eignen oder solche, wo man es kaum über’s Herz bringen würde, sie zu detaillieren, komplett anbieten. Natürlich kommt das nicht für alle Kunden in Frage, vor allem nicht für jene, die schon eine gut ausgebaute Sammlung haben. Aber dafür für jene neuen Kunden, die ihre Liebe zur den alten Schweizer Marken entdeckt haben und die nicht abgeneigt wären, ein ganzes Objekt geschlossen zu erwerben. Man darf hier nicht übersehen, dass da nicht selten die Arbeit eines ganzen Sammlerlebens, also z.B. während 50 Sammlerjahren oder noch mehr, erworben werden kann. Und zwar nur zum reinen Markenwert (oder noch billiger). Die ganze Arbeit des Zu-sammensuchens und Zusammentragens ist dabei gratis inbegriffen! Mein Sohn wird Sie gerne informieren, was für Objekte in diesem Sinne aktuell zur Verfügung ständen. Es kann schon sein, dass philatelistischer Geschäftserfolg (selbst jener mit klassischen Marken!) nicht nur mit einem gut dotierten Lager zu tun hat. Möglich, dass auch noch die Seriosität des Angebotes und der Be-schreibung, das Wissen (das eigene, nicht das kopierte) und die Ehrlichkeit ganz allgemein eine Rolle spielen. Schon früher – aber auch heute – gab oder gibt es «Newcomer», die meinen, dies alles wäre nach einigen wenigen Jahren und etwas Geld problemlos zu haben! Kurzfristigen Er-folg kann man vielleicht erreichen, aber langfristig wird das Brot dann meistens hart, indem die Kunden ausbleiben. Zu solch einem kurzfristigen Erfolg mag auch beitragen, dass die Stücke häufig mit Attesten von jüngeren Prüfern versehen sind, die – sagen wir es einmal diplomatisch –etwas «grosszügiger» attestieren. Mir selber sind deshalb alte Atteste von wirklich erfahrenen Prüfern mindestens so lieb und wertvoll, wie jene gewisser Nachfolger. (Das gilt nicht für alle; es gibt heute durchaus sehr fähige Prüfer, leider nur nicht allzu viele!) Es wäre deshalb sehr wichtig, wenn wir Philatelisten uns alle nach geeigneten Leuten umsehen würden, die als künftige Prüfer in Frage kommen könnten. Ein «guter Prüfer» ist in meinen Augen nicht einer, der angeblich keine Fehler macht. Für mich darf ein Prüfer ab und zu einen Fehler machen. Nur nicht allzu viele. Das ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, wie er sich nachher dazu stellt, wie er die Sache fair erledigt. Wir alle sind Menschen und machen demzufolge halt Fehler. Und gehen Sie nicht davon aus, dass ich mich hier ausnehmen möchte! Etwas mehr Demut würde also nicht etwa nur den Prüfern, sondern uns allen sehr wohl bekommen! Damit meine ich die Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit. Darum plädiere ich immer wieder für etwas Nachsicht, wenn einmal ein Fehler vorgekommen ist. Es darf allerdings nur nicht zum Geschäftsprinzip werden, dass man von solchen Fehlern profitieren will oder sie gar willentlich produziert. Das gilt erneut keineswegs nur für die Prüfer, sondern durchaus auch für uns Händler. Und ich gehe davon aus, dass dem auch die grossen Käufer unter den Sammlern und die Auktionatoren zustimmen werden.

Für mich bedeuten Kontakte mit Kunden, die mir sagen, dass sie nun sicher schon seit 40 Jahren Kunde bei mir seien und dass sie jedes Jahr auf den neuen Katalog im Januar warten, weil sie dann – wie jedes Jahr – Ihre Wünsche angeben und etwas bestellen möchten, sehr viel. Wichtig: das hat für mich gar nichts mit der Grösse der Bestellungen zu tun, sondern nur mit der Tatsache, dass diese den Kontakt gerne gepflegt haben und mit den Lieferungen zufrieden waren. Das sind für mich die eigentlichen Aufsteller im Erwerbsleben!
Fänden Sie es nicht auch etwas langweilig, wenn ich meine Ausführungen zu den verschiedenen Kapiteln der klassischen Schweizer Marken (also etwa Kantonalmarken, Rayons, Strubel, sitz. Helvetia gezähnt, Heimatsammlungen, Geburtstagssammlungen, ungebrauchte Marken), mehr oder weniger aus dem letzten Katalog einfach wiederholen würde? Alles könnte ich nämlich heute noch genauso ausführen. Deshalb erspare ich mir dies. Lediglich zu den Aussichten (poli-tisch, wirtschaftlich) könnte man etwas beifügen. Vor einem Jahr haben viele angenommen, dass der Brexit bald einmal Geschichte sein werde. Er ist es heute noch nicht und es würde nicht über-raschen, wenn er uns noch eine Weile Tagesschau-Stoff bieten würde. Europa mangelt es an einer

Führungskraft. Das ganze Konglomerat von Staaten hat noch kein Zusammengehörigkeits-gefühl entwickelt und macht gegenüber den mächtigen Kontrahenten USA – China – Russland einen recht schwachen Eindruck. Der Dollar ist, ähnlich wie der Euro, nicht mehr unumstritten im Welthandel und die Aussichten sind entsprechend unklar. Ob die Zukunft den Kryptowährungen gehört? Unsicher. Die grüne Welle schwappt derzeit über. Das ist nicht a priori schlecht. Nur hat man in der Euphorie auch die Kosten dafür im Griff, wenn man am liebsten Diesel, Benzin, Heizöl und Atomkraft auf einen Schlag ersetzen möchte? Und wenn man jeden einzelnen Ausbau der natürlichen Energiequellen solange wie möglich bekämpft und verhindert und gleichzeitig die Rohstoff-Probleme der zahllosen und riesigen Batterien für alles zusammen ausser Acht lässt!Die Probleme hier werden uns weiter beschäftigen. Ganz zu schweigen von der politischen «Grosswetterlage». Wer möchte schon voraussagen, wie sich der Nahe oder auch Mittlere Osten und auch die arabische Halbinsel entwickeln werden? Es braucht kein prophetisches Geschick, vorauszusagen, dass auch der Ferne Osten gärt. Und vergessen wir Afrika nicht! Sie sehen, alle diese unzähligen Punkte, alle diese politischen oder wirtschaftlichen Baustellen beinhalten ein Gefahrenpotenzial. Es wäre vermessen, zu behaupten, dass wir sicheren Zeiten entgegengehen. Kommt dazu, dass sich die Börsen alles in allem recht gut gehalten haben und die Aktienkurse heute auf hohem bis sehr hohem Niveau sind. Anleihen sind kaum noch gefragt für den Normal-verbraucher. Ältere Menschen wollen sich heute doch nicht mehr für Jahre mit solchen Anleihen binden. Vor allem nicht angesichts kommender oder schon aktueller Negativzinsen, auch auf Barbeständen! Sie verlängern Anlagen kaum noch, wenn sie zur Rückzahlung fällig werden und möchten sich mit dem selber ersparten Geld lieber noch etwas leisten! Aus diesem Grund sind in den letzten paar Jahren schon recht bedeutende Summen in alternative Anlagen wie Bilder, Schmuck, Uhren, Oldtimer und eben auch klassische Marken geflossen. Es geht da kaum oder gar nicht um eine garantierte Rendite. Die ist nirgends garantiert. Die Anlage soll einfach Freude bereiten! Das ist der wichtigste Punkt. Und diesbezüglich bieten sich unsere Alt-Schweiz-Marken geradezu an! Es gibt dermassen viele Möglichkeiten, sich hier eine eigene, individuell angepasste Sammlung aufzubauen, dass man mit wirklich jedem Budget gute Aussichten hat, sein Ziel zu er-reichen. Nämlich ein ganzes Leben lang eine beglückende Freizeitbeschäftigung zu haben, deren Investitionen am Schluss keinesfalls abgeschrieben werden müssen. Da wird noch etwas zurück-kommen! In welchem andern Hobby ist dies denn der Fall; welches andere Hobby wirft denn einen Gewinn in Franken und Rappen ab?

Die Zeit ist bald wieder einmal gekommen, wo mir vor Augen geführt wird, dass ich selber nur ein kleines Puzzle-Teilchen unseres Geschäftes bin! In erster Linie sind hier sicher unsere Kunden zu nennen, die uns Jahr für Jahr Ihre Wünsche mitteilen und die wir beliefern dürfen. Und die damit den Hauptanteil am Geschäftserfolg haben. Die Hauptarbeit im Betrieb selber liegt sicherlich bei meinem Sohn Markus, bei seiner und meiner Gemahlin und neuerdings auch noch bei unserer ältesten Tochter Jacqueline und bei einem Freund, die sich beide der noch lange nicht fertig auf-gearbeiteten Dokumentation widmen. Und ganz am Jahresende, genau genommen in den ersten Tagen nach Neujahr, dürfen wir einmal mehr auf eine nette Tafelrunde von Verwandten und Enkel schauen, die uns helfen, die neuen Kataloge zu verpacken und zu verschicken. Ihnen allen bin ich sehr zu Dank verpflichtet.

Schmerikon, 6. November 2019

Gottfried Honegger

 

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