03 honegger philatelie Wissenswertes

Gedanken zur Marktlage

Das Jahr, das sich in fünf Wochen dem Ende zuneigt, hat einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen! Nach einem geschäftlich sehr erfreulichen Beginn, mussten wir uns ab Februar langsam an neue Ausdrücke wie «Pandemie», «Covid 19» usw. gewöhnen. Dass da vielerorts erst einmal «Feuer im Dach» war, konnte man an der Börse jener Wochen sehen. Und als die persönlichen Einschränkungen überhandnahmen, ergaben sich ganz neue Konstellationen und Erfordernisse. Bald wurde klar, dass eine Briefmarken-Messe nach der andern abgesagt wurde. Das hört sich für die meisten emotionslos an. Für uns Händler, die wir einen Stand an der Weltausstellung in London schon vor zwei Jahren fest gebucht hatten, musste nicht nur dieser, sondern auch zahlreiche Flüge und Hotelzimmer abgebucht werden. In der Regel wurden diese schon bei der Buchung bezahlt, aber die Rückerstattung klappte bisher (bis auf zwei Flugbillette) anstandslos. Auch bei den Sommerferien gab es Absagen. Aber auch hier gab es weder für die Flüge, noch für den Mietwagen, noch für die Lodge irgendwelche Probleme. Man erhielt den Eindruck, dass diese Absagen erwartet worden waren.

Diese Absagen grosser Messen zog sich das ganze Jahr über weiter hin. So in Sindelfingen, wo wir seit mehr als zwei Dutzend Jahren ohne Unterbruch mit einem Stand vertreten waren und wo wir regelmässig einen Teil unserer Kunden aus Deutschland und Österreich, gelegentlich gar auch aus Frankreich und andern europäischen Ländern treffen konnten.

Am Schmerzlichsten war schliesslich jedoch die Absage unserer eigenen Gross-Veranstaltung, der Sonderausstellung zum 175-Jahr-Jubiläum der Basler Taube in der Mustermesse in Basel. Das Organisationskomitee hat sich während Monaten bemüht, einen denkwürdigen Anlass auf die Beine zu stellen. Wenn solche Arbeiten von zahllosen engagierten Sammlern und Händlern durch einen Behördenerlass (auch wenn dieser noch so begründet und auch angezeigt war) zunichte gemacht wird, so schmerzt dies ganz einfach. Das wird in allen Ländern bei diesen Absagen der Fall gewesen sein. Wenn man es aber im eigenen Land erlebt, so geht es einem näher. Eine schöne Zahl von Ausstellern hat sich dafür vorbereitet. Damit nicht auch diese Vorbereitungen «für die Katze» sind, hoffen wir auf eine Neuauflage der ganzen Veranstaltung z.B. im nächsten Jahr!

Im Geschäft realisierte man, dass dieses Jahr alles ein wenig anders verlaufen würde. Man war gehalten, wenn möglich persönliche Kontakte zu unterlassen und etliche Besuche von Kunden, die vorgesehen waren, mussten je länger, je weiter hinausgeschoben werden. Es gab durchaus auch Bedenken, wie sich dies alles denn auf den Geschäftsverlauf auswirken würde im Laufe des Jahres. Die Zweifel waren aber nur von kurzer Dauer! Wir realisierten praktisch nur erfreuliche, positive Momente! Lassen Sie mich einige aufzählen:

1. Nicht nur die eigenen Kinder sorgten sich um die Eltern als «Risikopersonen», sondern auch Nachbarn, die offerierten, für uns Einkäufe zu besorgen!

2. Von etlichen sogenannt «guten» Kunden erhielten wir nicht bisher 1– 2 Bestellungen während des Jahres, sondern 10–20, monatlich also so viele, wie sonst in einem ganzen Jahr! Der Grund war der, dass diese Leute entweder pensioniert sind oder im «Home-Office» arbeiteten und deshalb mehr Zeit hatten, sich ab und zu wieder einmal mit dem Briefmarken-Album zu befassen. Das hat in vielen Fällen zu sehr netten Kontakten, um nicht zu sagen zu eigentlichen Freundschaften geführt, die ohne Covid 19 kaum zustande gekommen wären.

3. Einmal mehr hat sich gezeigt, dass die klassischen Schweizer Marken einem durchaus – und vor allem – Freude bereiten können. Der rein materielle Punkt sollte da in den Hintergrund treten. Ich entsinne mich an einen lieben Kunden, der dieses Jahr offenbar gleich drei schwere Operationen erlebt hat. Er sagte mir, dass ihn jedesmal die Philatelie wieder auf die Beine gebracht habe. Die tägliche Beschäftigung mit seiner Sammlung hätte ihm sehr gut getan.

4. Mit dem Heranrücken des Sommers und der Absage der Übersee-Reise kam die Frage auf, ob man Ferien nicht auch in der Schweiz verbringen könnte! Unser Land besitzt dermassen viele Täler und Bergseen, deren Besichtigung oder Erwanderung man für die Zeit «nach der Pensionierung » aufgespart hatte (Der Frage, ob ein selbstständiger Briefmarkenhändler sich denn überhaupt je pensionieren lässt, ist man während Jahren ausgewichen!). Wir haben uns erst einmal auf etliche Alpenpässe und an deren Ende auf das Oberwallis konzentriert und haben dort in der Tat einmalig schöne Tage verleben dürfen! Immer nur schön über ein verlängertes Wochenende! Und eine Woche später entdeckten wir plötzlich, wie viele Täler und Bergseen der Kanton Tessin zu bieten hat! Neuerdings kenne ich nicht nur gewisse Ortschaften nach deren Ovalstempel (Gruppe 68 im Stempelwerk von Andres + Emmenegger!), nein, ich weiss sogar, wo sich einige davon konkret befinden. Zudem, wie und wovon diese Leute damals gelebt hatten! Das alles sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte und ohne Pandemie wäre es wohl nie dazu gekommen! Der Hammer kommt aber noch: auch die Frage, ob man in den Schweizer Bergseen nicht nur fischen, sondern auch Fische fangen kann, können meine Frau und ich durchaus mit ja beantworten. «Warum auch in die Ferne schweifen, denn sieh’, das Gute liegt so nah!»

5. Gegen das Jahresende hin kommt natürlich die Frage zwangsläufig auch auf, ob man denn praktisch ohne persönliche Kundenkontakte dennoch geschäftlich «auf einen grünen Zweig» kommen könne. Es mag überraschen, aber wir können überhaupt nicht von einem Rückgang sprechen – im Gegenteil! Mitte November, also sechs Wochen vor dem Jahresende haben wir bereits ebensoviele Lose verkauft, wie im letzten (sehr guten!) ganzen Jahr! Das hat in erster Linie mit meinem Sohn Markus zu tun, der ein bewundernswertes Flair dafür entwickelt hat, interessante Sammlungen aufzustöbern und auch zu erwerben! Da fällt es einem Senior schon etwas leichter, gelegentlich einmal etwas kürzer zu treten!

Diese überaus zahlreichen Verkäufe sind vor allem auch aus einem andern Grund sehr erfreulich: sie erfolgten teilweise auch an eine ganze Anzahl neuer Kunden! Bekanntlich gibt es ja bestandene Philatelisten, die bezweifeln, ob es neue Sammler überhaupt gibt heutzutage. Nun, es mag zutreffen, dass diese sich nicht an den Monatsversammlungen der traditionellen Philatelisten- Vereine, in rauchgeschwängerten Sälen zeigen. Das sind ganz verschiedene Leute. Jüngere, oft kaum dem Lehrlingsalter entwachsen, die monatlich kaum mehr ausgeben können als andere in einer Stunde verdienen. Aber mit einer Beharrlichkeit irgendein Stempelgebiet beackern, vor der man einfach den Hut ziehen muss. Solche Leute werden künftig einmal zu den grossen Kennern zählen, auf deren Wissen die kommenden Generationen wissensmässig aufbauen können. Das Problem besteht nur darin, an diese jungen Leute heranzukommen. Denn ihre Freizeit verbringen sie erfahrungsgemäss nicht in den Klublokalen. Das aber ist ein Problem, dessen sich vor allem die Vereine annehmen sollten. Wir Händler helfen gerne dabei. Und wenn auch die Post dabei hilft, müsste eine gute Lösung möglich sein.

Daneben gibt es heute aber auch andere Leute. Man kann ruhig sagen, dass das oft moderne Unternehmer sind, die gutes Geld verdienen und dieses gerne auch ausgeben möchten. Die Flugreisen und Kreuzfahrten sind dieses Jahr mehrheitlich weggefallen. Ist es da nicht für uns Philatelisten ein Glücksfall, dass etliche darunter Freude an unseren alten Marken gefunden haben? Wir dürfen nicht vergessen, dass es in all den Jahrzehnten, in denen man Schweizer Briefmarken gesammelt hat, ständig Leute gegeben hat, die recht viel Geld in ihre Sammlungen gesteckt hatten. Ohne diese Leute hätten unsere klassischen Marken niemals deren heutige weltweite Bekannt- und Beliebtheit, und ja, durchaus auch nicht deren Preishöhe erreicht. Ich sage dies auch angesichts der Tatsache, dass beispielsweise in den USA heute für begehrte Stücke Preise bezahlt werden, die wenig mit Sammlerei und mehr mit Investitionen zu tun haben. Verglichen mit diesen Preisen erscheinen die Preise auch unserer seltensten und teuersten Nummern immer noch beinahe als «Trinkgelder», die man aus der Portokasse begleichen kann. Ich bin aber nicht der Meinung, dass wir diesen preislichen Rückstand unserer klassischen Seltenheiten als Mangel bezeichnen müssen. Mir sind konstante Entwicklungen an sich lieber. Man sieht dies auch an der Börse: Übertreibungen entstehen meist aus Spekulationen und führen dann zu Baissen. Reine Spekulanten sollten sich an sich nicht in der Philatelie betätigen. Dazu ist dieses schöne Hobby ganz einfach zu schade. Denn das ständige Auf und Ab führt bei den bedächtigeren Philatelisten zu einer Verunsicherung, nicht zu Vertrauen! Und damit langfristig eben auch nicht zu Freude an der Materie. Mein Rat deshalb seit jeher: Kaufen Sie, was Sie sich leisten können und was Ihnen Freude bereitet! Und nicht einfach, was «billig» ist. Denn in «billig» sind häufig Fussangeln versteckt. Man erhält nicht unbedingt, was man sich erhofft hat und bald einmal kann sich «billig» leider auch als viel zu teuer herausstellen. Deshalb mein zweiter Rat: Kaufen Sie dort, wo Sie Vertrauen haben, wo Sie gerne wieder kaufen und wo Sie auch ein offenes Ohr finden, wenn irgend ein einmal erworbenes Stück sich als nicht ganz passend erwiesen hat.

Wie sieht die Zukunft für die klassische Schweizer Philatelie aus und was für Lehren können und sollen wir aus diesem Pandemie-Jahr ziehen?

1. Die Weltlage ist alles andere als klar und wolkenlos. Auch ein neuer Präsident in den USA wird noch lange an den angerichteten Baustellen der letzten vier Jahre zu flicken haben. Da wird sich nicht alles im Nu ändern können. Alles in allem wird der Welthandel aber eher profitieren, was man auch von den Börsen erwarten darf.

2. Der Dollar wird weiter schwanken, aber alles in allem die Weltwährung Nummer 1 bleiben. Wenn man später einmal die Staatsverschuldung in den USA genauer ansieht, wird man sicher staunen, aber man darf nicht vergessen, dass die USA auf Jahre hinaus wohl weiter einfach Geld drucken können, soviel sie wollen. Solange jedenfalls, wie der US-$ die Weltwährung Nummer 1 bleibt.

3. Ich gehe davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in den entwickelten Industriestaaten zunächst schwanken, aber alles in allem kaum explodieren wird. In den meisten Staaten hat man diese Probleme erkannt und es wird versucht, hier Gegensteuer zu geben.

4. Die üblichen Ferienträume, die sich viele Leute in den letzten Jahren gerne geleistet haben, werden nur langsam zu alter Frische aufsteigen. Flugreisen und Kreuzfahrten werden wohl noch zwei Jahre lang nur langsam wieder in den alten Frequenzen gebucht werden. Aus diesem Grunde sehe ich für diese Branchen und damit verbunden auch für Reisebüros am ehesten noch dunkle Wolken am Geschäfts-Himmel. Bei Hotels und Restaurants wird eine Redimensionierung kaum ausbleiben. Aber: diese Gesundschrumpfung ist auch in andern Industriezweigen erfolgt. Viele traditionelle Firmen fabrizieren (oder verkaufen) heute ganz andere Güter als vor 100 Jahren. Sie sind mit der Zeit gegangen und haben sich angepasst (anpassen müssen). Zweifelsohne wird es Leidtragende dieser Epidemie geben. Ich denke an die Entlassenen aus jenen Betrieben, die sich jetzt notgedrungen gesundschrumpfen müssen. Nicht alle davon werden durch staatliche Hilfen sorglos leben können. Tragisch ist dies vor allem für Minder-Verdienende. Es handelt sich bei Ihnen allerdings nicht um die typischen Alt-Schweiz-Kunden. Tragisch ist dies dennoch und es bleibt zu hoffen, dass sie recht bald neue Beschäftigungen finden mögen.

5. Nach wie vor gibt es Branchen, die gut bis sehr gut laufen heute. Teilweise sind dies ganz neue Berufe, die aus «Start-Up’s» entstanden sind. Dort wird gutes Geld verdient. Wie erwähnt, soll dieses nicht zum Lebensunterhalt benötigte Geld ausgegeben werden. Man möchte sich etwas leisten. Ich gehe davon aus, dass dies nicht nur für die Bilder- und Antiquitäten-Branche, sondern durchaus auch für die Philatelie und hier nicht zuletzt auch für unsere klassischen Schweizer Marken weiterhin für eine sehr gute Grundlage sein wird. Wir haben den Vorteil, dass unser Geschäft durchaus auch über das Internet, also schriftlich, ausgeführt werden kann.

6. Ob Geld ausgegeben oder gehortet wird, hat vielfach mit den Zinssätzen zu tun, die man für Anlagegelder bekommen kann. Die liegen derzeit nahe oder bei null Prozenten, vor allem, wenn man noch die Bankspesen miteinbezieht. Für grosse Anleger gibt es sogar Negativzinsen. Dies wird wohl noch zwei Jahre (mindestens) so bleiben. Fällige Anleihen werden meist nicht mehr verlängert, das kommt erneut alternativen Anlagemöglichkeiten, wie unserer Branche, zugute.

7. Zusammengefasst: Halten Sie sich an die zahlreichen positiven Punkte, die die aktuelle und alles andere als angenehme Pandemie-Lage uns aufbürdet. Es bringt ja nichts, in Griesgram zu versinken. Suchen Sie die Freude im Leben. In den persönlichen Kontakten, in der Natur, in der Literatur oder Musik und wenn dies alles noch nicht ausreichen sollte, nochmals mein Rat: Versuchen Sie es doch einmal mit den klassischen Schweizer Marken! Sollten Sie den Einstieg noch nicht gefunden haben, nehmen Sie ungeniert Kontakt mit uns auf. Wir geben uns Mühe, Sie zu beraten und Ihnen Ideen aufzuzeigen.

8. Im Wissen darum, dass wir bislang von der Pandemie verschont geblieben sind und alles in allem wunderbare Erlebnisse in der Natur und mit Menschen haben durften, bleibt ein Gefühl der Dankbarkeit zurück. Dankbarkeit vor allem auch gegenüber jenen Mitmenschen, die sich täglich um die Covid-19-Patienten in den Spitälern oder Heimen ganz selbstverständlich und uneigennützig kümmern! Und wenn wir an die unglaubliche Verbreitung dieser Viren über die ganze Welt denken, mit Millionen von Toten, und mit welcher Machtlosigkeit wir Menschen (vorderhand jedenfalls) davon betroffen sein können, so macht sich ein Gefühl der Demut breit. Vielleicht ist dies einer der positiven Punkte aus dieser Pandemie, dass wir Menschen von Zeit zu Zeit daran erinnert werden, dass wir vieles, aber weiss Gott noch lange nicht das ganze Weltgeschehen, im Griff haben.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, wird das neue Jahr bereits eingeläutet sein. Wir denken in grosser Dankbarkeit an die vielen Kontakte mit Ihnen im vergangenen Jahr zurück und hoffen, dass sich diese auch im neuen Abschnitt fortsetzen werden. Dazu wünschen wir Ihnen viele frohe Stunden, eine gute Gesundheit und halten Sie sich weiterhin fern von allen schädlichen Viren und suchen Sie die Freude im Leben!

Schmerikon, 23. November 2020
Gottfried Honegger

 

 

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