03 honegger philatelie Wissenswertes

Gedanken zur Marktlage 2022

Eben fällt mir auf, dass dieser Bericht fast zwei Wochen früher verfasst wird als letztes Jahr! Im vorgerückten Alter kann man sich recht häufig des Eindrucks nicht erwehren, dass alles schneller abläuft, dass einem immer weniger Zeit für aufgeschobene Projekte oder Arbeiten bleibt. Möglich, dass man auch mehr Zeit braucht für deren Realisierung, weil man weniger spontan handelt und alles tiefgründiger durchdenkt. Frühere Kollegen würden sicherlich nun mit einem leisen Unterton einwenden, dass man daran die Schuld ganz alleine trage: «Selber schuld, warum hast du dich nie pensionieren lassen?» Nun, die Pensionierung eines vollbeschäftigten Selbstständigerwerbenden ist so eine Sache! Ich für meinen Teil versuche mich hier langsam einzugewöhnen, mit dem einen oder andern freien Tag! Das haben meine Frau und ich auch dieses Jahr wieder praktiziert, nachdem weiterreichende Ferienpläne erneut gestrichen werden mussten. Wir haben die Sonne erneut im Tessin gesucht und auch gefunden und gesehen, was für wunderschöne Täler dieser Kanton doch vorweisen kann! Nicht nur, aber vor allem auch für Philatelisten ist dies ein Eldorado. Man ist immer wieder erstaunt, an steilen Berghängen kleine Weiler zu finden, deren Stempel man zwar kennt, die man aber bislang nie lokalisieren konnte. Auf der persönlichen Wunschliste steht für nächstes Jahr wohl der Kanton Graubünden. Auch dort kennen wir noch lange nicht alle Täler und Dörfer!

Unsere Agenda weist für das Jahr 2021 recht viele gestrichene Messen, Börsen und Termine auf! Was davon noch möglich war, dafür hat die Covid-19-Pandemie die Termine vorgegeben. Man kann es leicht zusammenfassen: bis zur Messe in Basel Anfang November fielen eigentlich alle vorgesehenen Termine dem Rotstift zum Opfer! Wer hätte schon gedacht, dass die Messe in Sindelfingen nun schon zum zweiten Mal nacheinander ausfallen musste? Das hat die seit vielen Jahren üblichen persönlichen Kontakte mit ausländischen Kunden leider verunmöglicht. Nun, wenigstens haben einige den Weg zur Messe in Basel auf sich genommen. Und bei der Gelegenheit hat sich gezeigt, dass es durchaus immer noch engagierte Philatelisten gibt, die gerne fehlende und passende Stücke erwerben wollen. Jedenfalls waren wir positiv überrascht und konnten auch interessante Ankäufe tätigen.

Ein Rückblick auf das ganze Jahresgeschäft 2021 erfüllt uns einmal mehr mit grosser Dankbarkeit. Bis zum Jahresende dauert es nun zwar noch sechs Wochen, aber es sieht so aus, als wäre unser Umsatz mindestens gleich hoch wie letztes Jahr. Mit etwas Glück aber bis zu 10% höher! Dabei ist zu sagen, dass 2020 die ersten paar Monate noch «normal» verliefen, also ohne grosse Einschränkungen wegen der Pandemie. 2021 hingegen war mehr oder weniger voll davon betroffen. Dieses erneut gesteigerte Umsatz-Resultat hat weniger mit mir zu tun, als mit unserem Sohn Markus! Der hat nicht nur eine ganze Reihe von Posten und ganzen Sammlungen erwerben, sondern einen Teil davon auch schon wieder platzieren können! Es lässt einen viel unbesorgter zu den Wanderschuhen greifen, wenn man weiss, dass zu Hause der Sohn die Sache voll «im Griff» hat. Kommt noch dazu, dass er von weiten Teilen des Geschäftes sehr viel mehr versteht als sein Vater. Und das bedauert dieser keineswegs, sondern es freut ihn! Denn sein Ziel war schon immer, dass man dem Nachfolger alles das übergeben soll, was er mindestens so gut macht wie er selber. Damit parallel aber ist verpflichtend auch die Übernahme der Verantwortung dafür! Und solange er weniger – oder jedenfalls nicht mehr – Fehler macht als ich selber, ist die Welt eigentlich für uns immer noch ganz in Ordnung.

Dass diese Umsätze aber überhaupt erzielt werden können, ist für uns beide in der Tat ein Geschenk! Wie letztes Jahr schon gehörte unsere Branche zu jenen, die von der Pandemie eher profitieren konnten! Viele Kunden hatten offensichtlich viel mehr Zeit, sich wieder einmal mit den Briefmarken zu beschäftigen. Daraus resultierten häufigere Bestellungen der gleichen Kunden als in früheren Jahren. Aber durchaus auch von ganz neuen Sammlern, die teilweise noch im Lehrlingsalter stecken. Natürlich vermögen letztere nicht riesige Umsätze zu tätigen. Wenn man aber sieht, mit welchem Fleiss und Interesse diese an ein gestecktes Sammlungsziel herantreten, so kann man da nur «den Hut ziehen». Diese neuen Kunden freuen einen sehr. Denn das sind die künftigen Philatelisten, die über das Gedeihen der Schweizer Philatelie mitentscheiden werden. Und aus diesen könnten durchaus auch einige der künftigen grossen Kenner entstehen. Solche neuen Kunden zu erhalten ist das eine. Jedes Jahr aber mehr interessante Stücke oder ganze Sammlungen angeboten zu erhalten, ist das andere. Dazu gehört ganz offensichtlich vor allen Dingen Vertrauen in den Händler. Das kann man nicht kaufen, sondern man muss es – in Jahrzehnten – erarbeiten. Und dass wir dies erleben dürfen, erfüllt uns eben mit grosser Dankbarkeit. Den Käufern, wie auch den Verkäufern gegenüber.

Wenn ein Jahresrückblick nur vom Geschäftlichen, von den wirtschaftlichen Faktoren, handelt, so scheint mir dies doch eine sehr einseitige Betrachtung zu sein. Wenn man all die Not von Flüchtlingen in aller Welt täglich vor Augen geführt bekommt, so hat man den Eindruck, dass wir «westlichen » Länder einen besonders grosszügigen Schutzgott haben müssen. Bewirkt dieser Schutz an Leib und Leben bei uns auch eine besonders ausgeprägte Dankbarkeit? Es ist ja nicht so, dass wir im reichen Westen von aller Unbill verschont würden. Auch bei uns gibt es Katastrophen und Pandemien. Nur wurden uns viel bessere Möglichkeiten gegeben, dagegen anzugehen. Die Impfstoffe gegen Covid-19 waren bei uns viel früher zugänglich als in Afrika oder andern Entwicklungs- Regionen. Bei uns gibt es Pflegepersonal, in Spitälern oder Altersheimen, das aktuell zwar bis an oder über die Grenzen beansprucht wird und das täglich ein eigenes Ansteckungsrisiko auf sich nimmt und versucht, möglichst viele der Schutzbedürftigen über die Runden zu bringen. Wenn sich zu Mitmenschen, die solches auf sich nehmen nicht ein Gefühl der Dankbarkeit einstellt, machen wir etwas falsch. Das können wir aber zu ändern versuchen (der Griff zum Portemonnaie fällt einem in dieser Vorweihnachtszeit vielleicht etwas leichter!).

Lassen Sie mich auch dieses Jahr einen Blick in die Zukunft werfen. Dazu braucht es keine Glaskugel. Wir leben aktuell in einer schwierigen, aufgewühlten Zeit. Die politischen Probleme sind nicht kurzfristig zu lösen. Man mag gar nicht alle Konfliktherde aufzählen, die praktisch in allen Kontinenten drohen. Weder im nahen, noch im fernen Osten möchte man sich «zur Ruhe setzen ». Amerika wird noch etliche Jahre an den aufgehäuften Schulden zu knabbern haben. Und ob Präsident Biden seine Reformprogramme einigermassen unbeschadet durch den Kongress bringen wird, ist alles andere als sicher. In Deutschland geht es erst einmal um den Nachweis, dass die neue Regierung es weiterbringt, als die alte unter Angela Merkel, die in Sachen zwischenstaatlicher Verständigung viel – wohl mehr als ihre europäischen Kolleginnen und Kollegen – unternommen hat. Und dennoch: oft tut eine Veränderung in der Regierung einem Land gut. Es kommen neue Ideen und – wer weiss – vielleicht auch Leute, die Positives bewirken können. Aber… in Europa ist eine Leaderfigur abgetreten und die Frage stellt sich, wer diese Position neu übernehmen wird. Der Umgang mit östlichen Despoten wird das Hauptproblem für den ganzen Westen sein und bleiben. Und der Ausgang dieser Konflikte könnte durchaus auf beide Seiten kippen.

Die politischen Aussichten erscheinen also als weitgehend durchzogen. Es gibt da etliche Gewitterwolken am Polit-Himmel.

Ganz anders – so meine ich – sehen aber die wirtschaftlichen Aussichten aus! Lassen Sie mich hier einige aufzählen:

  1. Die Inflation wird ab dem Jahr 2022 wieder anziehen. Wohl in diesem Zusammenhang fahren die Zentralbanken ihre Stützungskäufe an den Wertschriftenmärkten zurück. Ich denke nicht, dass dies zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch führen wird, da die Wirtschaft gut bis sehr gut läuft (wenn man von den jüngsten Lieferproblemen einmal absieht, die nun aber angegangen werden). Für den Aktien- und Anleihen-Markt sind das alles aber keine rosigen Aussichten. Die Leute werden mit Neu-Investitionen vorsichtig und zurückhaltend reagieren. Das könnte durchaus einen vermehrten Zug in Sachwerte und hier ohne weiteres auch in die klassischen Schweizer Marken geben.
  2. Der Schweizer Franken ist eine der stärksten Währungen weltweit. Eine Anlage in CHF wird auch künftig gesucht sein (was der Schweizerischen Nationalbank durchaus gelegentliches Bauchweh bereiten dürfte). Beim Kauf von Alt-Schweiz-Briefmarken investiert man also automatisch in diese starke Währung, was bei einem späteren Verkauf (unabhängig vom reinen Markenwert) bei einem Ausländer häufig auch zu einem Währungsgewinn bei der Umrechnung in die eigene, schwächere Währung führen kann.
  3. Die Beschäftigung in den Zielländern unseres Geschäftes spielt eine Rolle. Diese ist aber in den meisten Ländern, die für uns ins Gewicht fallen, nicht schlecht. Ganz kurzfristig können die offenen Stellen steigen, weil pandemiebedingt häufig all zu viele Leute entlassen worden sind und jetzt mühsam wieder rekrutiert und ausgebildet werden müssen. Aber angesichts der guten Auftragslage wird sich dieses Problem lösen lassen. Genauso, wie die aktuell durchaus noch existierenden Nachschubprobleme von Zulieferern (möglich, dass man im Westen die «Just-in-time-Produktion» etwas übertrieben hat und die eigene Lagerhaltung nun vermehrt hochfahren wird).
  4. Die Leute haben nun schon seit zwei Jahren (und es könnte noch eines dazukommen) kaum noch «teure» Ferien buchen können. Die Überseeflüge sind genauso wie Kreuzfahrten mehr oder weniger ganz zusammengebrochen und die Zahlen beginnen sich erst jetzt wieder langsam zu erholen. Selbst die beliebten Ferien in Europa hat man allenthalben ausfallen lassen. Die Vorschriften und Unannehmlichkeiten haben einem meist zu Ferien im eigenen Land geraten. Und die haben weniger gekostet. Mit andern Worten: viele Gutverdiener konnten ihr Geld gar nicht ausgeben. Das dürfte auch im kommenden Jahr da und dort durchaus auch zu Investitionen in die klassischen alten Schweizer Marken führen. Man sieht dies an Auktionen in Europa, vor allem aber in den USA derzeit. Und zwar nicht etwa nur bei Bildern, sondern vor allem auch in der Philatelie! Gegenüber jenen Preisen für gesuchte alte USA-Marken sind selbst die teuersten (sechsstelligen) Alt-Schweiz-Belege für reine Trinkgelder zu haben! Und dies bei wesentlich kleineren Bekanntheits-Zahlen! Genau aus letzterem Grund werden sie viel seltener angeboten und wenn einmal, sollte man als interessierter Käufer sich die Sache (inklusive der Atteste!) genau ansehen!
  5. In meinen Augen gibt es noch einen ganz wichtigen Grund, sich – je nach eigenen Möglichkeiten – das eine oder andere Alt-Schweiz-Stück zuzulegen: diese vermögen einem echten Sammler jedes Mal, wenn er zu seinem Album greift, eine echte Freude zu bereiten. Jedes Stück ist verschieden. Bei vielen wird er sich erinnern, wo er es erwerben konnte. Das sind reine Glücksmomente, die Sie bei jedem engagierten Sammler miterleben können, wenn er Ihnen seine Sammlung privat oder an einer Ausstellung zeigt. Ich habe Mühe, mir vorzustellen, dass ein Anleger auch jedes Mal eine echte Freude empfindet, wenn er seinem Portefeuille einen Posten neuer Aktien oder Anleihen hinzufügt. Typisch dafür: in den Händen hat man diese Wertpapiere ja selten bis gar nie! Sie werden einem von der Bank einfach verwahrt. Das schliesst eigentlich eine nähere Beziehung schon einmal aus.

Was neue Sammler überraschen mag: es spielt gar keine Rolle, was man sammelt und in welcher Preiskategorie diese liegen! Solche Glückserlebnisse sind zweifelsohne durchaus auch mit modernen Marken möglich. Ohne weiteres auch mit Motivmarken. Ob jemand nun Freude an Pilzen oder Eisenbahnen auf Marken hat, oder ob er sein Vordruckalbum mit den abgebildeten 7 neueren Jahrgängen füllen will – ich denke, dass er auch an solchen Werten Freude empfinden kann, wenn er wieder einmal ein gesuchtes Stück finden konnte. Da wir in diesen Bereichen nicht tätig sind, kann ich nur für unser eigenes Liefergebiet, die alten, klassischen Schweizer Marken (von Vorphilatelie bis etwa 1870) sprechen. Und dort gilt dieser Satz, dass diese Stücke einem interessierten Sammler ein echtes Glücksgefühl bereiten, wenn er wieder eines findet oder auch nur im Album ansieht, ganz bestimmt. Bis einer sich eine der berühmten Spitzenstücke leisten kann, mag es Jahre dauern. Aber umso grösser ist dann seine Freude darüber! Aber auch mit weitherum «erschwinglichen» Objekten, wie der Komplettierung einer Rayon- Typentafel erlebt man dies immer wieder. Ein postgeschichtlich ausgerichteter Sammler, der beachtliche Summen für seltene Belege mit grossen Frankaturen oder für Briefe in ferne Länder ausgibt, mag dies nicht immer verstehen. Wenn einer aber jahrelang sich Mühe gibt, eine ganze Typentafel oder aber einen ganzen Bogen einer klassischen Nummer zu rekonstruieren, so habe ich erlebt, dass das für solch einen Sammler wie das Zusammentreffen von Weihnachten und Ostern ist, wenn er ein jahrelang gesuchtes Stück plötzlich erwerben und in Händen halten kann! Oder wenn ein Sammler, der für seine Kinder, oder Paten-, oder Enkelkinder deren Geburtstagsdaten (immer nur Monat und Tag, aber von allen erreichbaren Jahren!) sammelt und wieder einmal ein paar passende Stücke für die nächste Beschenkung erhält! Man sollte jedem seine Freiheit lassen, das zu erwerben, was er sich leisten kann und was ihm gefällt. Ihm gefällt, sage ich, nicht irgendeiner Jury, deren Mitglieder naturgemäss eigene Vorlieben haben und die von seinem Sammelgebiet unter Umständen viel weniger verstehen, als er selber! Da empfehlen sich die unjurierten Ausstellungen! Dies gilt vor allem für diese speziellen, oft ganz persönlichen Sammlungen. Die Bewertung einer Katalogsammlung ist demgegenüber viel einfacher. Dort wissen die Juroren genau, was es alles gibt, kennen auch die Seltenheiten und können deshalb die Objekte im Quervergleich in der Regel recht gut einstufen.

Wir haben uns Mühe gegeben, ein Angebot für die meisten unserer Kunden zusammenzustellen. Natürlich kann man es nie ganz allen recht machen. Wenn Sie in diesem Katalog aber nicht fündig werden, wenn Sie gewisse Stücke zwar möchten, aber mit der Qualität oder dem Preis nicht zufrieden sind, so lassen Sie uns dies wissen. Eine auch nur gering tiefere Qualität kann oft einen gewaltigen Preisnachlass bewirken. Ein besseres, schöneres Stück wird natürlich auch mehr kosten. Und vergessen Sie nicht: wir haben nie unser ganzes Lager im Katalog drin abgebildet! Deshalb stehen für viele Lose durchaus alternative Stücke zur Verfügung, die wir Ihnen gerne unverbindlich anbieten. Einer meiner leider verstorbenen Kollegen hat mir in jungen Jahren den Leitspruch mit auf den Weg gegeben: «Eine schöne Marke ist immer noch schön, auch wenn du schon lange vergessen hast, was du dafür bezahlt hast». Wenn Sie nach diesem Satz leben können, werden Sie viel Freude mit Ihrer Sammlung haben! (Ich versuche es mit den vor Jahren – meist Jahrzehnten – erworbenen und für mich auf die Seite gelegten paar Stücken auch!)

Noch kaum je war es wichtiger, gute Wünsche zu verbreiten! Wir tun dies auch Ihnen gegenüber und hoffen, dass Sie weiterhin von Viren verschont bleiben oder ihnen durch eigenes Vorsorgen aus dem Weg gehen können. Dies aber nicht, ohne Ihnen für die schönen Kontakte auch im vergangenen Jahr zu danken. Wir hoffen sehr, dass im 2022 auch die persönlichen Treffen (bei uns in Schmerikon oder an Ausstellungen) wieder möglich werden.

Schmerikon, 12. November 2021
Gottfried Honegger

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